Ich-Welt und Wir-Welt

30.12.2017 | Damian Müller | Kürzlich habe ich einen Satz gelesen, der mir bis heute nicht mehr aus dem Kopf wollte. Der Satz hiess: „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“ Geschrieben hat diesen Satz kein Geringerer als Albert Einstein, der berühmte Mann mit dem Wuschelkopf.

 

Ich denke, dieser Satz ist ein gutes Motto, um ins neue Jahr zu starten. Für jeden einzelnen von uns, aber auch für unsere Gesellschaft als Ganzes. In der Zukunft leben, heisst die Zukunft gestalten. Wir haben einiges zu erledigen in den nächsten Monaten und Jahren.

 

Aber bei allem, was auf uns zukommt, sollten wir eines nicht verkennen: Wir starten auf hohem Niveau, gerade hier in Luzern, hier in der Innerschweiz. Kein anderer Kanton, keine andere Region ist in den letzten Jahren so gewachsen. Keine Region hat eine derart tiefe Arbeitslosenquote. Wir haben heute breitere und bessere Bildungsmöglichkeiten als noch vor einer Generation. Wir haben ein besseres Gesundheits- und Sozialsystem als unsere Eltern es je kannten. Aber wir stehen vor grossen Herausforderungen.

 

Ich denke da beispielsweise an die Finanzen. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben dem Kanton einen Sparkurs verordnet. Daran ist ja an sich noch nichts falsch. Dass sich auch die Politik vom Grundsatz leiten lässt, zuerst zu überlegen, ob eine Ausgabe wirklich nötig ist, sollte eine Verpflichtung sein. Aber Lebensqualität kostet etwas. Sicherheit gibt es nicht gratis, auch nicht Bildung. Mobilität gibt es nicht umsonst, auch nicht saubere Seen und intakte Landschaften. Und erst recht nicht ein vielfältiges Kulturangebot mit guten Ausstellungen und hochkarätigen Konzerten. Wir würden uns in den eigenen Fuss schiessen, wenn wir den Kanton zwingen würden, seine Leistungen weiter zurück zu fahren. Dann Sicherheit, Mobilität, Bildung und Kultur sind wichtige Kriterien bei Standortentscheiden von Unternehmen. Steuern sind nur ein Argument, wenn es darum geht, Arbeitsplätze zu schaffen.

 

Ich denke daran, dass wir die Chancen der neuen Technologie nutzen, statt sie einfach zu verteufeln. Das heisst etwa gar nicht, dass man sich mit blindem Enthusiasmus der Digitalisierung hingeben soll. Nein, man soll mit kritischen Augen und wachsamen Geist die Risiken der neuen Technologie analysieren und bewerten. Aber man soll die Chancen sehen und nutzen. Nicht nur in der Live-Science, einem Wirtschaftsbereich, der auch in der Zentralschweiz zunehmend an Bedeutung gewinnt. Auch in der Landwirtschaft sollte sich technologischen Neuerungen nicht verschliessen, sonst läuft sie Gefahr, abgehängt zu werden. Das wäre gerade bei uns von fataler Bedeutung, ist doch unser Kanton der viergrösste Landwirtschaftskanton der Schweiz.

 

Wir sollen in allen Bereichen die Chancen nutzen, die uns die Zukunft eröffnet. Denn nur, wenn wir die Chancen nutzen, erhalten wir unseren Wohlstand.

 

Mehr Gemeinsinn als Individualismus

Bei allem sollten wir aber eines nicht vergessen: Wohlstand ist immer ein Gemeinschaftswerk. Oder anders gesagt: Wohlstand entsteht nur, wenn alle etwas dazu beitragen. Und gerade diesbezüglich mache ich mir manchmal etwas Sorgen. Manchmal scheint mir nämlich der Trend zu einer Ich-Welt etwas gar gross.

 

Wir sollten uns bewusst sein, dass wir nicht nur Individuen sind, sondern gleichzeitig auch Teil einer Gemeinschaft. Damit eine Gemeinschaft funktioniert, braucht sie auch Institutionen. Sie übernehmen Aufgaben, die der einzelne nicht tragen kann. Institutionen wie Polizei, Rettungsdienste und Feuerwehr sorgen für physische Sicherheit, Heime und Spitäler sorgen für soziale Sicherheit. Und die Politik sorgt für Ausgleich und Kontinuität.

 

Ich will nicht sagen, dass unsere Institutionen unfehlbar sind, ganz im Gegenteil. Wo gehobelt wird, da fallen Späne und wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht. Wo Fehler gemacht werden, soll auch kritisiert werden. Etwas sollte dabei aber nie fehlen, Respekt. Denn ich gehe davon aus, dass die allermeisten Menschen, die sich in unseren Institutionen engagieren und dort ihr Geld verdienen, dies mit einer ehrlichen Grundhaltung tun.

 

Leider ist es aber in der letzten Zeit zur Mode geworden, gerade Menschen, die bereit sind, politische Verantwortung zu übernehmen, als selbstverliebte und machtbesessene Mitglieder einer „Classe Politique“ zu disqualifiziert. Damit wird Misstrauen geschürt und Angst gesät mit dem Resultat, dass dringend nötige Reformen blockiert werden.

 

Mehr Zuversicht und Selbstvertrauen

Oft heisst es dann, früher sei alles besser gewesen. Natürlich war früher vieles übersichtlicher, überschaubarer und dadurch leichter einzuschätzen. Natürlich ist im Laufe der Zeit vieles komplizierter und komplexer geworden. Natürlich geht heute alles viel schneller. Aber muss das denn zwingend schlechter sein?

 

Ich meine, wir machen einen Fehler, wenn wir zaudern und zögern und glauben, wir könnten die Vergangenheit wieder hervorholen wie ein schönes Buch aus dem Büchergestell und einfach wieder hinstellen, als ob nichts geschehen wäre.

 

Vielmehr brauchen wir Zuversicht, Selbstvertrauen und die Lust, die Herausforderungen anzupacken. Es wird uns nicht alles gelingen, aber wir werden einiges erreichen, privat und als Gemeinschaft.

 

Ich wünsche Ihnen ein erfolgreiches und glückliches neues Jahr.

 

Damian Müller, Ständerat FDP, Hitzkirch