Nicht die Zahl ist das Problem sondern der Fachkräftemangel.

Die SVP will die Schweizer Bevölkerung per Initiative auf 10 Millionen begrenzen. Das klingt griffig. Aber die Initiative beantwortet die falsche Frage – und verschweigt dabei das eigentliche Problem. Denn nicht die Grösse der Bevölkerung entscheidet über unseren Wohlstand, sondern ihre Struktur.

Gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) leben in der Schweiz heute auf 100 Erwerbspersonen 38 Rentnerinnen und Rentner. Bis 2050 werden es 46 sein, bis 2070 über 50. Konkret: Heute finanzieren drei Erwerbstätige eine Rente. In weniger als 50 Jahren werden es nur noch zwei sein.

Das gesamteuropäische Bild ist nicht besser: Laut Eurostat steigt der Anteil der über 65-Jährigen in der EU von heute 21 Prozent auf über 30 Prozent bis 2070 – selbst bei unveränderter Zuwanderung. Der Pool an qualifizierten Arbeitskräften, der in die Schweiz kommen könnte, schrumpft also überall gleichzeitig. Italien, Deutschland, Frankreich – sie alle kämpfen um dieselben Fachkräfte.

Das BFS hält fest: Ab 2035 wächst die Schweizer Bevölkerung ausschliesslich dank Migration – der Geburtenüberschuss wird dann negativ. Die Geburtenrate liegt heute bei 1,28 Kindern pro Frau, dem tiefsten je gemessenen Wert – weit unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1 (Quelle BFS, provisorische Zahlen 2025).

Der britische Demograf Paul Morland bringt das Dilemma in einem NZZ-Interview auf den Punkt:
«Es gibt für mich drei entscheidende Grössen: eine dynamische Wirtschaft, ethnische Kontinuität und den Hang zur kleinen Familie. Eine Gesellschaft kann sich zwei davon leisten, nicht aber alle drei. Deutschland, Grossbritannien, die Schweiz wollen eine dynamische Wirtschaft trotz kleinen Familien – sie setzen auf Immigration.»

Dazu kommt: Die Babyboomer-Jahrgänge 1946 bis 1964 gehen seit über zehn Jahren in Rente. Jährlich verlassen rund 100’000 Menschen den Arbeitsmarkt, der Höhepunkt wird 2029 erwartet: Dann werden 18’500 mehr Erwerbstätige in Pension gehen, als Junge nachrücken.

Wer jetzt die Zuwanderung bremst, entzieht der AHV genau in diesem kritischen Moment Beitragszahler. Economiesuisse rechnet vor: Bei deutlich reduzierter Zuwanderung würde die Belastung jeder erwerbstätigen Person bis 2050 um über 2’000 Franken pro Jahr zunehmen.

Die SVP-Initiative bekämpft eine Zahl. Was sie schuldig bleibt, ist die Antwort auf die entscheidende Frage: Wer finanziert die Renten, pflegt die vielen Rentner und zahlt die Steuern – wenn die 10 Millionen immer älter und immer weniger erwerbstätig werden?